Lernen vom Weg des Tees: Ichigo ichie
- Prävention der Adipositas Gesundheitsberaterin

- 18. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Heute möchten wir die tiefgründige Spiritualität der japanischen Kultur mit Ihnen teilen. Kennen Sie das wunderschöne Konzept des „ichigo ichie“ (一期一会), das in der Teezeremonie hochgeschätzt wird? Diese wunderbare Philosophie wurzelt auch tief im Geist der Gastfreundschaft, den man in der japanischen Küche findet.
Was ist Ichigo Ichie?
„Ichigo ichie“ bedeutet wörtlich „eine Zeit, ein Treffen“ – eine Begegnung, die es nur einmal im Leben gibt. In der Teezeremonie lehrt es uns, dass sich das heutige Teetreffen nie exakt wiederholen wird – deshalb sollten wir den gegenwärtigen Moment wertschätzen und ihm mit ganzem Herzen begegnen.
Dieses Konzept entstand im 16. Jahrhundert zur Zeit von Sen no Rikyū, der die Teezeremonie auf ihre vollendete Form brachte. Durch die Teezeremonie vermittelte Rikyū die Kostbarkeit menschlicher Begegnungen. Selbst wenn dieselben Personen zusammenkommen, sind Saison, Wetter und Gemütslage jeweils anders – wodurch jedes Treffen einzigartig wird.
Die Praxis von Ichigo Ichie in der Teezeremonie
Achtung vor den Jahreszeiten
Bei der Teezeremonie werden Gefäße und Süssigkeiten entsprechend der Saison ausgewählt, um die Schönheit des jeweiligen Augenblicks zu würdigen. Im Frühling nimmt man Teeschalen mit Kirschblüten-Motiven, im Sommer kühle Bambus-Gefässe, im Herbst Teelöffel, die an Herbstlaub erinnern – alles drückt das „Jetzt“ dieses Moments aus.
Teepraktizierende kennen ihr „Saijiki“ (Saisonkalender) genau und integrieren die natürlichen Übergänge der Jahreszeiten in den Teeraum: Um Risshun (Frühlingsbeginn) werden Pflaumenblüten arrangiert; während Keichitsu (Erwachen der Insekten) nutzt man teeförmige Räuchergefässe; zur Sommersonnenwende kommen Bambus-Teelöffel zum Einsatz. All dies schafft eine Atmosphäre, die nur in diesem ganz bestimmten Moment erlebt werden kann.
Aufrichtige Vorbereitung
Von der Gestaltung des Teeraums über die Auswahl der Utensilien bis zur Zubereitung der Süssigkeiten – alles geschieht mit aufrichtigem Gedanken an die Gäste dieses Tages. Der Gastgeber (Teishu) berücksichtigt Vorlieben, Jahreszeit und Wetter, um eine einmalige Kombination zu schaffen.
Die Vorbereitung beginnt bereits Tage vorher: Welche Schriftrolle wählen wir aus? Welche Teeschale? Welche Süssigkeit? All diese Entscheidungen berücksichtigen Aufenthaltsdauer, Tagesstimmung, Gästecharakter. Selbst identische Utensilien wirken je nach Kombination völlig anders – dies ist die tiefe Kunst der Teezeremonie.
Schweigender Dialog
Im Teeraum lässt man den Lärm des Alltags hinter sich und tritt in stiller Verbundenheit von Herz zu Herz. Mit wenigen Worten entsteht ein Raum des tiefen Fühlens.
Das ästhetische Prinzip des „Ma“ (die bedeutungsvolle Pause/Leere) im Teeraum verkörpert den Geist von ichigo ichie. Ohne Eile nimmt man sich Zeit: Tee zubereiten, genießen, Gespräche in Stille führen. Diese Form der Zeitwahrnehmung ist ein Luxus, der in unserer modernen Welt selten geworden ist. Der Moment, in dem man die Teeschale in die Hand nimmt, der Schluck Tee, das stille Betrachten der Utensilien – all das trägt eine besondere Bedeutung.
Der Geist von Ichigo Ichie in der japanischen Küche

Ehrfurcht vor saisonalen Zutaten
Die japanische Küche schätzt Zutaten, die nur in bestimmten Zeiten genossen werden können: Frühling – Bambussprossen, Sommer – Süssfisch Ayu, Herbst – Matsutake-Pilze, Winter – Kugelfisch Fugu. Alles sind Geschenke des „Jetzt“.
Das Konzept des „Shun“ (Hochsaison) in der japanischen Küche bedeutet mehr als nur optimale Reife. Es umfasst drei Phasen: „Hashiri“ (frühe Saison), „Sakari“ (Hochsaison) und „Nagori“ (späte Saison). Bei Bambussprossen etwa duften „Hashiri“-Sprossen frisch aus der Erde, „Sakari“ bringt volle Aromen, „Nagori“ weckt Vorfreude auf das nächste Jahr. Dieses feine saisonale Empfinden ist der Ausdruck des ichigo ichie-Geistes.
Handwerkliche Fertigkeit und Herzenswärme
Küchenchefs beobachten Gäste, spüren deren Vorlieben und kreieren mit Sorgfalt das ideale Gericht für jede Person. Selbst mit demselben Menü werden subtile Anpassungen vorgenommen, sodass für jeden Gast ein einzigartiges Gericht entsteht.
Erfahrene Handwerker lesen Gästezeichen durch Dialog, Gesundheit oder Stimmung. Salz wird etwas reduziert, Schnitttechnik leicht angepasst, saisonale Blüten in die Anrichtung eingefügt – all dies macht das Gericht zu einer einmaligen Begegnung dieses Tages: lebendiger ichigo ichie-Geist.
Wunderschöne Begegnungen der Gefässe
In der japanischen Küche spielt auch die Auswahl der Gefässe eine Rolle im ichigo ichie. Passende Teller und Schalen zur Saison und zum Gericht machen das Essen besonders schön und geschmackvoll.
Ein Sprichwort sagt: „Die Küche ist das Gewand des Gefässes.“ Die Auswahl der Gefässe gehört zur Präsentation selbst. Ein Sashimi wirkt auf weiss-blauer Porzellanplatte kühl und frisch, auf schwarzem Lack dagegen würdevoll und elegant. Im Frühling eignen sich Teller mit Kirschblüten, im Sommer kühle Glasgefäße, im Herbst Lackwaren mit Herbstlaub-Motiven – Gefässe werden zum Ausdruck der Jahreszeit. Dieses Spiel aus Gefäß und Küche ist die ästhetische Essenz des ichigo ichie.
Der Wert von Ichigo Ichie in der heutigen Zeit
Im digitalen Zeitalter
In einer Welt voller Smartphones und Social Media gewinnt der Geist von ichigo ichie an Bedeutung. Wenn wir uns bewusst auf den Gegenüber, das Essen und den Moment konzentrieren, erfahren wir wahre Fülle.
Moderne Gesellschaft – ständig auf dem nächsten Termin, nächste Nachricht, nächste Info gerichtet. Ichigo ichie lehrt uns, wie zentral es ist, sich komplett auf das „Hier und Jetzt“ zu fokussieren. Dass „Digital Detox“ populär geworden ist, zeigt, wie sehr wir vergessen, den Moment zu schätzen. Genau deshalb wirkt der Geist von ichigo ichie in unserer Generation besonders kraftvoll.
Internationales Verständnis
Für die multikulturelle Gemeinschaft in der Schweiz ist der Geist von ichigo ichie ein universeller Wert über kulturelle Grenzen hinweg. Die innere Haltung, sich dem Anderen zuzuwenden und den gegenwärtigen Moment zu schätzen, ist ein schöner Wert, den alle Kulturen teilen.
Das europäische „Carpe Diem“ (Pflücke den Tag) und das nordische „Hygge“ (gemütliche Zufriedenheit) berühren denselben Kern wie ichigo ichie. Unterschiedliche Kulturen, aber gleiche Sensibilität für die Kostbarkeit menschlicher Begegnungen und die Schönheit des Augenblicks.
Praxis im Alltag
Der Geist von ichigo ichie lässt sich nicht nur bei Teezeremonien oder im Gourmetrestaurant leben, sondern auch im Alltag.
Morgendlicher Kaffeegenuss, Mahlzeiten mit der Familie, Gespräche mit Freunden oder Landschaften während des Arbeitswegs – jeder kleine Moment lädt ein, ihn mit ichigo ichie zu gestalten. Selbst vertraute Wege erscheinen je nach Jahreszeit anders. Gespräche mit denselben Personen verschieben sich durch Tageslaune und Geisteshaltung. Mit dem Bewusstsein für dieses „Jetzt“ wird der Alltag reicher.
Momente des Erlebens von Ichigo Ichie
Harmonie mit der Natur
In der Teezeremonie beginnt das ichigo ichie-Erlebnis mit dem Gang durch den Gartenroji (Pfad). Saisonblumen, Morgentau auf Trittsteinen, das Rascheln des Bambus im Wind – all das schafft Momente, die nur heute so existieren.
Auch japanische Gärten reflektieren den Geist von ichigo ichie: Morgens anders als abends, Frühling anders als Herbst, Regentag anders als Sonnentag. Gartenarchitekten pflegen Gärten über Jahre, damit Besucher zu jeder Jahreszeit neue Schönheiten entdecken. Das ist die einzigartige japanische Ästhetik, die zeitliche Veränderung wertschätzt.
Kommunikation jenseits von Worten
In der Teezeremonie gibt es das Konzept „ichiza konryū“ (ein gemeinsames Kommen in Harmonie). Alle Anwesenden verbinden ihre Herzen, um einen besonderen Raum zu schaffen, der nur in genau diesem Moment existiert.
Verbal spart man Worte, man spürt leise die Anwesenheit des Anderen. Das Geräusch der Teezubereitung, der Klang beim Abstellen der Schalen, das Rascheln der Kleidung – bewusstes Hinhören schafft nonverbale Verbindung. In unserer global vernetzten Welt ist diese „Herz-verbundene“ Kommunikation extrem wertvoll.
Der Geist von ichigo ichie lehrt uns die Kostbarkeit des Moments. Selbst mit demselben Essen oder derselben Person erleben wir immer neue Begegnungen – abhängig von Stimmung, Saison, Umgebung.
Wenn Sie japanische Küche genießen, hoffen wir, dass Sie diesen Geist von ichigo ichie spüren. Möge dieser Moment, diese Begegnung, diese Zeit von Herzen geschätzt werden.
Der von Sen no Rikyū gelehrte Geist von ichigo ichie hat große Bedeutung für unser tägliches Leben. Gerade weil wir in einer hektischen modernen Welt leben, möchten wir diesen wunderbaren japanischen Geist berühren und jeden gegenwärtigen Moment achtsam leben.
Sen no Rikyū sagte: „Der Weg des Tees ist derselbe wie Buddhas Lehre – er existiert in ichigo ichie.“ Diese tiefgreifende Lehre geht über Teezeremonien-Etikette hinaus – sie zeigt uns, wie man Leben selbst leben sollte: jeden einzelnen Tag wertschätzend, dankbar und offen für kleine Begegnungen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die der Geist von ichigo ichie unserer modernen Welt vermittelt.




Kommentare